CfA: Archiv für Mediengeschichte 15 (2015) Medien des Heiligen

Das 15. Heft des Archivs für Mediengeschichte widmet sich den Medien des Heiligen. Als grundsätzliche Orientierung für die dafür erbetenen Beiträge gilt der prinzipielle Verzicht auf jede wie auch immer geartete theologische, soziologische oder anthropologische Theorie des Heiligen, der zufolge das Heilige vorgängig in Gott, der Gesellschaft oder im Menschen existierte und erst nachträglich durch und in Medien repräsentiert würde. Vom medienhistorischen Standpunkt aus ist das Heilige vielmehr unmittelbar mit Medien verknüpft, weil es immer schon durch Medien konstituiert ist und mittels Medien verfertigt wird. Das AMG geht also von der These aus, daß es das Heilige nicht jenseits der Operationen gibt, durch die es hergestellt wird.

Jean-Luc Nancy hat in seinem Buch Am Grund der Bilder das Heilige (sacré) der Religion gegenübergestellt und es als das Getrennte, das Ausgegrenzte oder das Verschanzte definiert, die Religion dagegen als das, was eine Verbindung zum abgetrennten Heiligen herstellt. Auf die Operationen der Trennung, denen sich das Heilige verdankt, reagiert die Religion mit diversen Praktiken der Verbindung. Mit der Bestimmung des Heiligen als eines Abgetrennten oder Abgesonderten (Giorgio Agamben) knüpft das AMG auch an Émile Benvenistes Bestimmung des sacrum an: als das zugleich „den Göttern Geweihte“ und das „mit einem unauslöschlichen Makel Behaftete“, das Erhabene und das Verfluchte, das Verwehrungswürdige und das Schrecken Verbreitende, ein Gedanke, der schon Georges Batailles Überlegungen zum Heiligen zugrunde lag. Verstanden im Sinne eines Unberührbaren, einer Gewalt, der sich zu nähern technische Mittel erfordert, transzendiert das Heilige die Welt des Profanen sowie die Natur des Menschen. Weil das Heilige unmittelbar mit Medien verknüpft ist, entsteht die von Sloterdijk beschriebene „Vertikalspannung“, die das „Übernatürliche“ (Hohe) mit dem „Unternatürlichen“ (Niedrigen) in Beziehung setzt.

Im Einzelnen lassen sich ausgehend von den Basisoperationen des Trennens und Verbindens sechs Felder von medialen Operationen und Praktiken unterscheiden:

– erstens die Operationen der Verbergung und der ihr korrespondierenden Enthüllung sowie der Schrecken oder die Enttäuschung, welche mit dem Akt der Enthüllung verbunden sind. In diesem Sinne erweisen sich Vorhänge (im Tempel, im Tabernakel) oder Türen als eminent wichtige Medien des Heiligen.

– Dem wären zweitens Medien der Übertragung entgegenzusetzen, also das, was man als „Geistkanäle“ bezeichnen kann. Hierzu gehören Boten/Engel (Michel Serres) ebenso wie Heilige Schriften in Verbindung mit Praktiken der visionären Lektüre; die von Mircea Eliade so genannten „Hierophanien“; Drogen, aber auch Kirchenfenster und Musik; oder das Medium des Pneumas im Gegensatz zu Medien der Disziplinierung und Institutionalisierung charismatischer, mystischer und epiphanischer Beziehungen zum Heiligen.

– Drittens müssen die Medien der Übertragung und der Ver- und Entbergung in Relation zu den Praktiken der Verkörperungen und Einverleibungen des Heiligen gesetzt werden. Hierzu zählen alle Arten der communio (Abendmahl, Liebesakt), Medien der Realpräsenz, Reliquien und Reliquiare als Medien des Heiligen und die dazu gehörenden Praktiken des Erst-, Zweit- und Drittkontakts (im Fall von Sekundär- und Tertiärreliquien), Ikonen und andere Formen der Manifestation des Heiligen im Bild (vera icon, Acheiropoieta).

– Von Bedeutung sind in diesem Zusammenhang viertens die konzeptuellen Transfers zwischen den Operationsweisen des Heiligen (trennen, verbergen, übertragen, kommunizieren) und den Grundbegriffen, mittels derer die Fähigkeit von Medien bestimmt wird, das räumlich Entfernte oder zeitlich (dauerhaft) Abwesende zu vergegenwärtigen oder zu verkörpern: Das Heilige erweist sich somit nicht nur als ein beliebiger Gegenstand der Medientheorie, sondern teilt mit ihr, in säkularisierter Form, entscheidende Fragestellungen und Problemhorizonte.

– Fünftens erscheinen die Medien des Heiligen gebunden an Semiotiken oder Zeichenlehren. In diesem Kontext ist das Heilige im Zusammenhang mit dem Monströsen und dem Wunder zu betrachten. Andere Zeichen, die den Verkehr mit dem Heiligen regeln beziehungsweise darauf abzielen, das Heilige wirksam werden zu lassen, sind z. B. die Sakramente oder das Opfer. Auch die Formen des Verdikts und der Verfluchung, die das sacrum als ein Monströses hervorbringen, gehören in diesen Kontext.

– Ein sechster Komplex schließlich betrifft die Rolle des Heiligen bei der Gründung der Wissenschaften vom Menschen im 19. Jahrhundert. Sowohl die Soziologie als auch die Ethnologie haben sich, man denke an Émile Durkheim oder Marcel Mauss, nicht auf rationale soziale Praktiken wie den Tausch bezogen, sondern auf irrationale Phänomene wie die Religion, den Selbstmord oder das „hau“. Der Umstand also, dass in die Gründungsszene der Humanwissenschaften ein Bezug auf den irrationalen „Abgrund“ (Foucault) eingeschrieben ist, wirkt noch im 20. Jahrhundert auf vielfältige Weise nach, etwa bei der Gründung des Collège de Sociologie oder der Gruppe „Acéphale“.

Um die Einsendung von Themenvorschlägen einschließlich Abstracts (bis zu 2.500 Zeichen) und Kurzbiographien an die Redaktion (dorothea.walzer@hu-berlin.de) wird bis zum 30.04. 2015 gebeten. Die ausgearbeiteten Beiträge (bis zu 30.000 Zeichen) sollen bis zum 30.08.2015 bei der Redaktion eingehen.

Die Herausgeber
(Friedrich Balke, Bernhard Siegert, Joseph Vogl)

Weitere Informationen zum Archiv für Mediengeschichte unter:
http://www.uni-weimar.de/de/medien/forschung-und-kunst/archiv‐fuer-mediengeschichte/

 

Kontakt

dorothea.walzer@hu-berlin.de

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