Ank.: Deviante Medien. Menschenfresser und Besessene (Michel de Certeau)

Ort: LMU München

Datum: 30.1.2015
Veranstalter: Dr. Rupert Gaderer (Institut für Medienwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum); PD. Dr. Mario Grizelj (Institut für Deutsche Philologie der Ludwig-Maximilians-Universität München)

Der Historiker, Theologe, Jesuit, Psychoanalytiker, Soziologe und Philosoph Michel de Certeau (1925-1986) stand lange Zeit im Schatten von Jacques Derrida und Michel Foucault. Sein heterogenes Denken lässt sich nicht einer bestimmten Theorie, Methode oder Diskurspolitik zuordnen. Er war kein Strukturalist, Dekonstruktivist oder Diskursanalytiker – hat aber von diesen Strömungen gezehrt und ebenso zu ihrer Profilierung beigetragen. In ‚L’écriture de l’histoire‘ (1975) [dt. ,Das Schreiben der Geschichte‘ (1991)] lieferte er eine Entfaltung geschichtstheoretischer und kulturkritischer Diskussionen über „Abwesenheit“ und „Alterität“. De Certeaus Geschichtsschreibung ist geprägt von einer Lehre des Anderen, einer Heterologie der „Menschenfresser“ und „Besessenen“. Seine Auseinandersetzung mit Jean de Lérys ‚Histoire d’un voyage faict en la terre du Brésil‘ (1578) und den Besessenheitsphänomenen der Ursulinen von Loudun (1610-1634) ist dabei so grundlagentheoretisch angelegt, dass sich zahlreiche medien-, kultur- und literaturwissenschaftliche Prämissen erschließen lassen. Das Ziel des Workshops ist es, ein konzentriertes ,close reading‘ ausgewählter Passagen von ‚L’écriture de l’histoire‘ zu verfolgen, um die Methodik der Heterologie sowie ihre medialen Bedingungen zu hinterfragen. Angesprochen ist damit etwa der Diskurs des Devianten, der aus einem theatralen Gesichtspunkt als eine Rede auf einer „dämonologischen“ und „psychiatrischen Bühne“ fassbar wird. Dabei betrifft die Untersuchung inszenatorischer Elemente und Regeln nicht lediglich die Sprache der „Menschenfresser“, „Besessenen“ oder „Kranken“. Im Zentrum des Workshops steht ebenso de Certeaus Begriff des „entstellten Dokuments“ als mediale Stellvertretung des Überlieferten und als philologisches Arbeitsmedium der Historiographie. Es geht also ,nach‘ de Certeau um die Ortsbestimmung der ethnographischen, dämonologischen und medizinischen Diskurse sowie um ihre Taktiken und Strategien vor dem Hintergrund medialer und philologischer Operationen.

Kooperationsveranstaltung zwischen dem Institut für Deutsche Philologie der Ludwig-Maximilians-Universität München und dem Institut für Medienwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum

Programm

FREITAG, 30. Januar 2015

9:30-10:30
– Rupert Gaderer (Bochum) und Mario Grizelj (München): Michel de Certeaus Heterologie: Medienphilologie und Medienkulturwissenschaft

– Studierende des Masterstudiengangs ‚Medienkulturwissenschaft‘ der LMU: Michel de Certeau denken

10:30-11:00 Kaffeepause

11:00-12:00
– Mario Grizelj: Entstellung – (nur) eine Metapher?

12:00-13:00
– Rupert Gaderer: Besessene Historiographie. Bedingungen und Orte des Schreibens

13:00-14:00 Mittagspause

14:00-15:00
– Stephan Gregory (Weimar): Ein neuer Missionar. Jean de Lérys Tagebuch und seine Leser

15:00-16:00
– Daniela Kirschstein (Ljubljana): Die Beobachtung des Kannibalen

16:00-16:30 Kaffeepause

16:30-17:30
– Julian Müller (München): Lesestunden

Kontakt

Mario Grizelj

Institut für Deutsche Philologie, LMU München
Schellingstr. 3 RG, 80339 München
089 / 2180-3920

mario.grizelj@lmu.de

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